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Toulouse – Die Rechnung des Doping-Kronzeugen Jörg Jaksche ist einfach. Da sich die Geschwindigkeit im Peloton der Tour de France im Vergleich zur dunklen Radsport-Ära kaum verändert hat, müssen die Betrügereien weiter zum Tagesgeschäft gehören.

Eine Meinung, die im Radsport-Lager für Verärgerung sorgt. Wo das Kontrollnetz immer engmaschiger geworden ist, habe sich die Branche längst gewandelt und anderen – legalen – Bereichen zur Leistungssteigerung gewidmet. «Marginal Gains» heißt die Zauberformel, also minimale Vorteile in allen Bereichen, die in der Gesamtheit den entscheidenden Unterschied ausmachen können.

Der millionenschwere Ineos-Rennstall mit dem umtriebigen Teamchef Dave Brailsford hat dieses Spielchen über Jahre perfektioniert – und dabei mitunter die Grenzen des Erlaubten wie etwa durch medizinische Ausnahmegenehmigungen bei Bradley Wiggins komplett ausgereizt. Sechs der letzten sieben Toursiege haben die Briten eingefahren.

Längst ist die Übermannschaft um Titelverteidiger Geraint Thomas zum Vorbild vieler Rennställe geworden. Der nächste Clou ist offenbar der Einsatz von Ketonpräparaten. Beim Rennstall von Tony Martin gehen die Verantwortlichen ganz offen damit um. «Ketone sind Nahrungsergänzungsmittel. Die Substanz steht nicht auf der verbotenen Liste. Es ist bekannt, dass mehrere Teams sie verwenden», sagte Teamchef Richard Plugge der niederländischen Zeitung «Telegraaf».

So offenherzig ist Ralph Denk vom deutschen Bora-hansgrohe-Team nicht und verweist auf gewisse «Betriebsgeheimnisse», wo es schließlich nicht um banale Dinge wie den Reifendruck ginge. «Wir wären aber fehl am Platz, wenn wir uns dazu noch keine Gedanken gemacht hätten», sagte der Teamchef der Deutschen Presse-Agentur und fügte hinzu: «Das ist kein Doping. Es hat auch bei uns schon Tests gegeben.» Ob Ketonpräparate bei Bora zum Einsatz kommen, ließ er offen.

Ketone werden gewöhnlich im Körper selbst produziert, wenn die Glukosevorräte aufgebraucht sind. Sie dienen quasi als Reserveenergie. In einer Studie der Universität Leuven sollen Wissenschaftler herausgefunden haben, dass Ketonpräparate den Ausdauersportlern bis zu 15 Prozent mehr Leistung bringen. Trifft das zu, wäre der Vorteil immens und würde vielleicht ein wenig erklären, warum Jumbo schon 39 Saisonsiege in diesem Jahr eingefahren hat.

Es sind die Details, die immer wichtiger werden. Denk spricht bei der Tour von der «Formel 1 des Radsports» und listet auf: «Es schrauben fünf Mechaniker Tag und Nacht an den Rädern, wir haben zwei Köche, Ernährungsberater und Trainer vor Ort.» Da steht Bora nicht alleine da. Die deutsche Mannschaft Sunweb hat gerade erst das Ausbildungszentrum in Sittard vorgestellt. Dort leben und trainieren zukünftig nicht nur junge, aufstrebende Fahrer, dort bündeln sich auch Bereiche wie Forschung, Ausrüstung, Coaching und Rennauswertung.

Über allem thront aber das Ineos-Team. Während der Tour kommen bei Thomas und Co. spezielle Fahrradketten mit einer besonderen Beschichtung zum Einsatz. Zehn Watt sollen die Fahrer dadurch einsparen. Kostenpunkt? Stolze 6700 Euro, was bei einem Jahresbudget von mehr als 40 Millionen Euro aber verschmerzbar ist.

Der Sky-Nachfolgerennstall setzt wieder mal Maßstäbe. Jedes noch so kleine Detail wurde unter Brailsford verwissenschaftlicht. Ob komfortablere Rennsättel, Massagegels zur besseren Regeneration, Luftpolster in Rennanzügen oder eigene Matratzen für die Fahrer – hunderte kleine Dinge, die zusammen eine große Wirkung entfalten. Sogar Motorhomes als Schlafplatz für die Topfahrer hatten die Briten schon einmal entwickelt, ehe der Weltverband dies untersagte.

Und der viermalige Tour-Sieger Chris Froome hatte in der Vergangenheit auf den Pressekonferenzen nach dem Rennen bereits sein Spezialessen gefuttert, da dies die beste Zeit zur Nahrungsaufnahme im Körper war. Medizinische Ausnahmegenehmigungen kommen bei Ineos laut Brailsford bei der Tour 2019 übrigens nicht zum Einsatz. Ob das Jaksche überzeugt?

Fotocredits: Thibault Camus
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